DREHBUCHLESEN 101 – WIE MAN ES PROFESSIONELL ANGEHT
- 15. September 2024
In der Welt des Films sind Worte mächtige Werkzeuge. Das Drehbuch ist ihr Fundament. Seite für Seite gibt es Regie, Schauspieler*innen, Kameraleuten und der gesamten Filmcrew die Richtung vor, damit die Vision des Films oder der Serie endlich Wirklichkeit werden kann.
Ohne ein solides Drehbuch gäbe es keine klare Richtung, keine Dialoge, keine Charakterentwicklung und keine Geschichte zu erzählen.
Ob angehender Drehbuchautor oder Branchenprofi, das Lesen von Drehbüchern hat einen unschätzbaren Wert zur Weiterentwicklung des Handwerks. Erfahre hier, warum das Studieren von Drehbüchern ein wichtiger Schritt zur Professionalisierung in der Filmbranche ist und wie du beim Lesen vorgehen kannst.
Die Benefits des Drehbuchlesens für Drehbuchautor*innen
Das Lesen von Drehbüchern ist für Drehbuchautor*innen, was Songs für Musikschaffende sind – Lehrmeister und Inspirationsquelle. Die verschiedenen Stile, Genres und Techniken können die eigenen Fähigkeiten verbessern und ein Gespür für Rhythmus, Dramaturgie und Emotion vermitteln.
Sich das Drehbuchhandwerk von etablierten Autor*innen abzugucken, ist clever. Es eröffnet die Möglichkeit, eigene Drehbücher mit einer Vielfalt und Originalität zu bereichern, die das Publikum begeistert und Geschichten unverwechselbar macht.
Welchen Mehrwert das Lesen von Drehbüchern beispielhafter Filme und Serien für deine eigenen Stoffe bringen kann, erfährst du im folgenden Abschnitt.
Du schulst dein Verständnis für Dramaturgie
In einem Drehbuch werden Figuren lebendig. Wie das erzählerisch gelingen kann, erfährst du sehr gut an praktischen Beispielen. Drehbücher sind Modelle. Sie zeigen, wie
- ein Plot aufgebaut,
- Charaktere entwickelt und
- Dialoge geschrieben werden.
Hast du die Regeln der Dramaturgie verstanden, kannst du sie leichter in die Praxis umsetzen und unkonventionelle Wege aufdecken, um originäre Stoffe zu erschaffen, die Zuschauer fesseln.
Du entdeckst die Diversität der Stimmen
Professionelle Drehbuchautor*innen streben danach, ihre Handschrift im Drehbuch zu hinterlassen. Die eigene Stimme ist das Markenzeichen, das dich in der Branche unverwechselbar macht. Das Lesen unterschiedlicher Drehbücher ermöglicht dir, verschiedene Schreibstile und -stimmen zu erkunden, während du deine unverkennbare Stimme findest.
Du kannst dich inspirieren lassen
Drehbücher sind eine unschätzbare Inspiration. Sie können Ideen für eigene Stoffe liefern, Blockaden überwinden und innovative Erzähltechniken aufzeigen, die für die eigenen Drehbücher ebenfalls funktionieren könnten.
Du entwickelst ein Gespür für die Filmbranche
Das Lesen von Drehbüchern kann dazu beitragen, die Funktionsweise der Branche besser zu verstehen. Neben Einblicken in die grundlegende Drehbuchformatierung eröffnet es auch praktische Kenntnisse.
Wer Glück hatte, ein Drehbuch während der Vorproduktionsphase zu begleiten, lernt, wie Szenen editiert, Feedback angepasst und Seiten mittels Farbcodierung organisiert werden. Beispielsweise kennzeichnen rote Seiten die ersten und gelbe Seiten spätere Anpassungen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zum professionellen Lesen von Drehbüchern
Weißt du, mein Problem mit den meisten Drehbüchern ist, dass sie eine Bauanleitung sind. Es ist, als hätten die Schiss, das verdammte Ding zu schreiben. Ich bin ein Autor. Das ist, was ich tue. Ich will es geschrieben sehen. Ich will, dass es zuerst auf Papier funktioniert. Also, wenn ich das Drehbuch schreibe, denke ich nicht an den Zuschauer, der den Film sieht. Ich denke an den Leser, der das Drehbuch liest. — Quentin Tarantino
Schritt 1: Lese das Drehbuch an einem Stück und mache dir Notizen
Wähle für den Einstieg einen Film oder eine Serienfolge deiner Top-Vorbilder, die dich motivieren und inspirieren. Das kann dabei helfen, das Buch an einem Stück zu lesen und die Story als Film wahrzunehmen. Stelle sicher, dass du Notizblock und Stift griffbereit hast, um wichtige Gedanken, Fragen und Beobachtungen festzuhalten.
Manchmal überrascht einen sogar der ein oder andere Geistesblitz für eigene Stoffe. Notiere auch ihn, bevor der Funke an der Schwelle zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein verglüht.
Schritt 2: Achte darauf, wie die Figuren lebendig werden
Verfolge die Hauptfigur(en) und ihre Entwicklung:
- Wie denkt sie?
- Welchen persönlichen Sound hat sie, wenn sie redet?
- Was ist ihr Ziel (Want)?
- Was ist ihre Motivation?
- Welches Bedürfnis (Need) hat sie?
- Verändert sie sich im Laufe der Geschichte?
Achte auch darauf, wie Nebenfiguren glauben, der Film drehe sich um sie, und dass sie oft eine eigene Figurenstoryline haben. Eine solche Nebenhandlung muss zwar logisch für die Gesamthandlung sein, zeigt aber, dass Nebenfiguren eigene Ziele verfolgen können und nicht zwingend nur die Hauptfigur kontrastieren müssen.
Schritt 3: Studiere die Struktur
Als filmisches Basismodell hat sich die Drei-Akt-Struktur mit Exposition, Konfrontation und Auflösung etabliert. Aber vielleicht kannst du während des Lesens sogar abgeleitete Strukturmodelle identifizieren, wie z. B. die Heldenreise, das 8-Sequenzen-Modell oder den für Serien üblichen 4-Akter.
- Wie ist der Aufbau von Akten und Szenen gelungen?
- Welche Szenen arbeiten auf einen gemeinsamen Plot Point hin?
- Wann beginnt die Klimax?
- Achte auch darauf, wie Informationen, Motive und Clues dosiert werden.
- Merkst du, wenn Requisiten Zukünftiges andeuten und nicht nur Deko sind?
Schritt 4: Gucke dir Schreibtechniken ab
Worte erzeugen den Ton und die Stimmung im Drehbuch. Ein professioneller Drehbuchautor setzt diese Elemente geschickt im Dialog, in Szenen und im Subtext ein. Selbst die Sprache im Aktionstext ruft lebhafte Bilder hervor.
Wissenswert: Ob Arthouse, Autorenfilm oder Genrefilm – signifikante Unterschiede lassen sich sowohl im Stil als auch in der Gestaltung der Drehbücher feststellen. Arthouse- und Autorenfilme können sich z. B. durch innovative, oft experimentelle Drehbuchstrukturen ausweisen, während Genrefilme klaren, genre-typischen Konventionen in ihren Drehbüchern folgen. So setzt ein Actionfilm beispielsweise stark auf physisches Erzählen, das Handlung und Emotionen durch Dynamik und körperlichen Konfrontationen vermittelt.
Werfe auch einen Blick auf die Formatierung. Achte auf die Länge und formalen Standards in den Dialogen, im Aktionstext, den Szenenübergängen oder Montagetechniken. Markiere Szenen oder Dialoge, die besonders wirkungsvoll sind oder die dich inspirieren.
Schritt 5: Setze das Gelernte um
Zu guter Letzt heißt es, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Wenn du deine eigenen Drehbücher schreibst, kannst du deine Notizen und gewonnenen Einblicke als Vorlage nutzen, um sie in deiner eigenen Arbeit zu erproben.
Gerade deswegen ist es wichtig, Drehbücher auszuwählen, die direkt zu deiner Seele sprechen. Denn auch die Quelle deiner Inspiration formt deine Stimme als Autor*in.
Finale Worte zum Benefit des Drehbuchlesens
Ganz gleich, auf welcher Seite der Kamera man steht, in der Welt des Filmemachens ist das Lesen von Drehbüchern ein wesentlicher Bestandteil der Weiterbildung und Inspiration. Es schärft Skills, heizt den eigenen Ideenmotor an und kann kreative Horizonte erweitern.
Ich hoffe, dass dir der Beitrag Lust aufs Drehbuchlesen gemacht hat. Eine gute Nachricht habe ich noch für dich: Du musst gar nicht lange suchen, um Online-Ressourcen zum Lesen von Drehbüchern zu finden. Hier findest du eine Liste der 7-Top-Websiten.